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Die Lage der Luft- und Raumfahrtindustrie in Deutschland zum Jahreswechsel 2011/2012
Gute Entwicklung im zivilen Flugzeugbau, positive Signale im Helikoptersegment, stabile Raumfahrt, aber gefährdete Langfristperspektive der wehrtechnischen Luftfahrtindustrie
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Auf alle Segmente bezogen, konnte sich die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie im zu Ende gehenden Kalenderjahr gut behaupten. 2011 profitierte die Industrie vor allem von einer sehr guten Auftragslage im zivilen Flugzeugbau. Die Raumfahrt zeigte sich unverändert solide. Problematisch gestaltete sich die Auftragslage in Teilen der wehrtechnischen Luftfahrtindustrie, deren Langfristperspektive sich als derzeit eher negativ darstellt.
Die Zivilluftfahrt konnte sich im Zug weltweiter Flottenerneuerungen und eines stark wachsenden globalen Mobilitätsbedarfs im zu Ende gehenden Jahr sehr gut entwickeln. Entscheidend dazu beigetragen hat neben der A350XWB vor allem die neue, öko-effiziente Variante des Single-Aisle Topsellers, die A320 NEO (New Engine Option). Auch der zivile Hubschrauberbau erlebte nach Einbrüchen im Vorjahr – schneller als erwartet - eine deutliche Erholung, speziell bedingt durch eine wieder deutlich anziehende Nachfrage in den USA und im asiatischen Raum. Angesichts der Auftragslage und der globalen Marktprognosen, die bis 2030 bei einem durch-schnittlichen jährlichen Wachstum von rund 5% eine Verdoppelung des weltweiten Flugzeugbedarfs skizzieren, haben die großen Zivilflugzeughersteller und ihre Zulieferer Ende 2011 eine konkrete langfristige Auslastungsperspektive. Gleichzeitig wurden im Jahresverlauf Fertigungszahlen nach oben angepasst, was – zusammen mit dem für das kommende Jahr avisierten Produktionshochlauf – alle Beteiligten vor erhebliche industrielle und personelle Herausforderungen stellt. Umso wichtiger ist, dass die Mittel des Luftfahrtforschungsprogramms (LuFo) 2011 Rekordniveau erreichten und die Gestaltung einer vom BDLI geforderten nationalen Luftfahrtstrategie politisch deutlich Fahrt aufnehmen konnte. Vor dem Hintergrund der Schulden- und Bankenkrise in Europa verfolgen wir allerdings mit einiger Sorge die schwierig gewordene Lage auf dem Markt für Flugzeugfinanzierungen und die Kreditvergabepraxis von Banken in Bezug auf Zulieferunternehmen.
Das Branchensegment Raumfahrt trotzte der Krise und ist wie bereits im Vorjahr als innovative Hochtechnologiebranche und Wachstumsmotor auf Erfolgskurs. Zentrale Programme der Industrie wie ATV-2 oder Ariane 5, SATCOM Bw und SAR Lupe laufen planmäßig, Galileo wurde erfolgreich gestartet. Die industrielle Auslastung der Systemhäuser und der Raumfahrt-zulieferer in Deutschland war 2011 gut. Die vom BDLI initiierte und in enger Abstimmung mit der Politik finalisierte nationale Raumfahrtstrategie und die solide Haushaltslage in der Raumfahrt sind gute Grundlagen dafür, im kommenden Jahr die programmatische Umsetzung der deutschen Raumfahrtstrategie voranzutreiben.
Kritisch sieht derzeit die Langfristperspektive für das Segment Verteidigung und Sicherheit – speziell im Bereich der wehrtechnischen Luftfahrt – aus. Erfolge wie das Erreichen der vollen Einsatzfähigkeit der deutschen Version des NH90-Transport-hubschraubers, die Übergabe des mittlerweile 300. Eurofighter, der Beginn der Serienfertigung des Transporters A400M oder die Vorstellung des unbemannten Flugsystems Eurohawk können über die prekäre Lage dieses Branchensegments nicht hinwegtäuschen. Mit der Bekanntgabe der Grobstruktur der zukünftigen Bundeswehr und der damit verbundenen Neuordnung der Bereiche Rüstung/Nutzung wurden Fakten geschaffen, die die wehrtechnische Luftfahrtindustrie unmittelbar treffen. Bestehende Rüstungsprojekte sind davon ebenso betroffen wie zukünftige Beschaffungsvorhaben. Im Bereich industrieller Instandhaltungs- und Betreuungsleistungen sind vor allem mittelständische, spezialisierte Unternehmen in ihrer Existenz bedroht. Andere Unternehmen werden sich möglicherweise aus dem militärischen Marktsegment zurückziehen. Damit stehen Ende 2011 der Verlust von Technologiekompetenz und hochqualifizierten Arbeitsplätzen, eine langfristige Abwanderung von Know-how und letzten Endes die Gefährdung der wehrtechnischen Luftfahrtzulieferkette im Raum.
Ausblick
Die zivile Luftfahrtindustrie steht vor drei zentralen Herausforderungen. Zum einen gilt es, Produktionshochläufe der Systemindustrie um bis zu 40% in den nächsten fünf Jahren in der Zulieferkette zu meistern. In diesem Zusammenhang muss sich die nationale Zulieferindustrie strategisch im internationalen Wettbewerb aufstellen und teilweise neu positionieren.
Daneben müssen die Anstrengungen der Industrie zur Fachkräftegewinnung und langfristigen Nachwuchssicherung weiter verstärkt werden, um personelle Engpässe für eine zukünftige Entwicklung der Industrie zu vermeiden. Die 2011 sehr erfolgreich vom BDLI initiierte, bundesweite Grundschul-Initiative "juri" sollte weitergeführt und durch Maßnahmen für andere Altersgruppen in der (vor)beruflichen Entscheidungs-findung ergänzt werden. Drittes zentrales Handlungsfeld des BDLI und seiner Unternehmen wird sein – unter anderem im Rahmen einer vom BMWi noch zu verabschiedenden zivilen Luftfahrtstrategie - langfristig ausreichende Mittel im Bereich F&T sicherzustellen.
In der Raumfahrtindustrie gilt es, die nationale Raumfahrtstrategie in konkrete Programmatik zu übertragen. Raumfahrt ist und bleibt weltweit Staatsaufgabe. Die europäische Raumfahrtpolitik muss nun Visionen entwickeln. Alle Akteure - das bedeutet, ESA und EU - müssen Hand in Hand agieren, um in Hinblick auf die nächste ESA-Ministerratskonferenz Ende 2012 die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Raumfahrt abzusichern. Die europäischen Flaggschiffprogramme Galileo und GMES müssen gemeinsam mit der EU zum Erfolg geführt werden, ein eigenständiger europäischer Zugang zum Weltraum muss erhalten werden.
Nur mit einer nationalen leistungsfähigen, wehrtechnischen Luftfahrtindustrie kann Deutschland auch zukünftig sicherheits-, bündnis- und wirtschaftspolitischer Verantwortung entsprechen. Die Industrie wird den Reformprozess der Bundeswehr aktiv und im engen Dialog mit dem Bundesminister der Verteidigung unterstützen. Dazu muss eine ressortübergreifende militärische Luftfahrtstrategie unter der Führung des BMVg erarbeitet werden, die die planerischen Erfordernisse des Bedarfsträgers ebenso berücksichtigt wie die der nationalen Industrie.
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Dr. Thomas Enders
BDLI-Präsident
(Stand der Informationen: 01.12.2011)
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Das unbemannte Aufklärungssystem Talarion.
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