Die Lage der Luft- und Raumfahrtindustrie in Deutschland zum Jahreswechsel 2012/2013

Gute Perspektive für die zivile Luftfahrt-, Triebwerks- und Ausrüstungsindustrie – Internationalisierung als Herausforderung

Dr. Lutz Bertling, BDLI-Präsident, CEO und Präsident, Eurocopter S.A.S

Dietmar Schrick, Hauptgeschäftsführer des BDLI.

Gute Perspektive für die zivile Luftfahrt-, Triebwerks- und Ausrüstungsindustrie – Internationalisierung als Herausforderung

Größtes Branchensegment mit einer sehr guten, langfristigen Perspektive bleibt der Bereich Zivile Luftfahrt, Ausrüstung und Werkstoffe. Globale Marktanalysen prognostizieren bis 2030 einen Bedarf für 27.800 neue Passagier- und Frachtflugzeuge und eine Verdoppelung der Flugzeugflotten von heute 15.000 Flugzeugen auf 31.000. Auch wenn 2012 das Einkaufsverhalten der meisten Airlines vergleichsweise zurückhaltend war, da viele bis 2011 sehr stark in ihre Flottenmodernisierung investiert hatten, so zeigt sich doch das vorhandene Auftragspolster für die Industrie Ende 2012 unverändert komfortabel. Airbus rechnet bis zum Ende des Jahres mit mehr als 600 Neuaufträgen und hat sich zum Ziel gesetzt, bei einer Auftragseingangs-/Auslieferungsrate größer 1 zu bleiben.

Der zivile Hubschraubermarkt profitierte 2012 vor allem von steigenden Rohölpreisen, weil die industrielle Erschließung neuer, immer weiter vor den Küsten liegender Ölquellen den Bedarf für Hubschrauber zur Plattformversorgung rapide wachsen lässt. Das machte sich vor allem in der Nachfrage für mittlere bis schwere Hubschrauber bemerkbar. Daneben profitierte 2012 die zivile Produkt-Palette des Weltmarktführers Eurocopter von wachsenden Bedarfen an Rettungs-, Arbeits- und Touristikhubschraubern.

Auch die deutschen Triebwerkshersteller und Zulieferunternehmen haben aufgrund gewonnener Beteiligungen an A380, A350 und A320NEO ein generell solides Wachstum vor Augen. Die sicherlich größte industrielle Herausforderung war und bleibt für alle Beteiligten die optimale Verzahnung verschiedener Ebenen der Aerospace-Lieferkette. Ziel ist eine konkurrenzfähige Struktur der gesamten nationalen und europäischen Ausrüstungs- und Zulieferindustrie. Aufgrund der Entscheidung der Systemhersteller, in zunehmendem Maße größere Lieferpakete bei ihren Zulieferern nachzufragen, wird sich eine zunehmende Zahl der sehr leistungsfähigen deutschen Zulieferunternehmen künftig auf den Ebenen 2 und 3 der Zulieferkette wiederfinden. Wie die jüngste Industriebefragung, die das Beratungsunternehmen h&z unter Schirmherrschaft des BDLI 2012 durchführte, zeigte, kann dies dazu führen, dass bis zu 30 Prozent der Unternehmen nicht sicher sein können, langfristig in der Branche tätig zu bleiben. Angesichts der hervorragenden Marktaussichten in der zivilen Luftfahrtindustrie, der technologischen Leistungsfähigkeit und der organisatorischen Exzellenz der deutschen Zulieferunternehmen sollte die anstehende strategische Neupositionierung der Unternehmen innerhalb der Lieferkette jedoch als konstruktive, wachstumsorientierte Herausforderung für das Management begriffen werden.

Ganz oben auf der politischen Agenda des BDLI stand 2012 „Die zivile Luftfahrtstrategie der Bundesregierung“. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) hat seit dem vergangenen Jahr eine zivile Luftfahrtstrategie erarbeitet. Der BDLI ist involviert. Die Strategie wird von großer Bedeutung dafür sein, der Luft- und Raumfahrtindustrie auf lange Sicht eine Schlüsselrolle in der Technologie- und Wirtschaftspolitik der Bundesregierung zu sichern. Konkret: Die Strategie liefert die Rechtfertigung für die Fortsetzung der „sektor-spezifischen“ Unterstützung auf hohem Niveau. Ferner begleitet der BDLI aktiv die vom BMWi in Auftrag gegebene unabhängige Evaluation des Luftfahrtforschungsprogramms (LuFo), die zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen ist. Wir gehen aber jetzt schon davon aus, dass das Programm erfolgreich ist. Dies zeigt sich beispielsweise am durch LuFo geförderten Konzept des Geared Turbofan, der den durchschlagenden Markterfolg des Airbus A320neo ermöglicht hat. Auch in der Forschungsunion, die unter Leitung von Bundesministerin Schavan Leitlinien für die künftige inhaltliche Ausrichtung der Ressortforschung des Bundes erarbeitet, ist es uns gelungen, im Perspektivenpapier zum Thema Mobilität relevante Themen der Luft- und Raumfahrt adressierbar zu halten.

Auf EU-Ebene begleitete der BDLI die Vorbereitung für eine Fortsetzung der Förderung der zivilen Luftfahrtforschung. Dazu haben BDLI-Vertreter an der Erarbeitung der bis ins Jahr 2050 blickenden Strategischen Innovations- und Forschungsagenda (SRIA) mitgewirkt. Diese wird die Grundlage für die nächste Runde der EU-Luftfahrtforschungsförderung im Horizon 2020 für die Jahre von 2014 bis 2020 sein. Darin wird eine große Technologieinitiative zur Vorbereitung komplexer Innovationsprojekte, das JTI Clean Sky 2 mit bedeutender Beteiligung der deutschen Luftfahrtindustrie, eine wichtige Rolle spielen. Für die Zukunft der Luft- und Raumfahrt wird aber nicht nur Forschung unentbehrlich sein, sondern auch eine langfristig ausreichende Verfügbarkeit von Fachkräften. Die Nachwuchsgewinnung in der Luft- und Raumfahrtindustrie ist schwieriger geworden und muss mit Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung strategisch angelegt sein. Daher hat der BDLI neben seinen Kooperationsprojekten mit Hochschulen und studentischen Initiativen 2012 mit seiner Kampagne „juri“ zur Förderung des Interesses an der Luft- und Raumfahrttechnik bundesweit alle Grundschulen mit ca. 400.000 Schülern adressiert und damit sehr großen Erfolg gehabt. Ein spezielles Magazin für Grundschüler und darauf abgestimmte Unterlagen für Projektunterricht – unter Mitarbeit von Lehrern und Pädagogen – waren eigens vom BDLI produziert und an alle 16.000 Grundschulen in Deutschland verschickt worden. Mehr als 2.300 Grundschulklassen in ganz Deutschland beteiligten sich schließlich am „juri“-Wettbewerb, der zur ILA 2012 seinen Abschluss fand. Auch die Fachöffentlichkeit fand das Konzept überzeugend. Der BDLI wurde für „juri“ mit dem begehrten FOX Award in Gold und dem Best-of-Corporate-Publishing-Award in Silber ausgezeichnet. Im Herbst 2012 ging die Kampagne in die zweite Runde.

Erfolgreiche strategische Weichenstellungen für die Raumfahrt

Die Industriesparte Raumfahrt konnte sich 2012 ebenfalls stabil ausgelastet und technologisch gut aufgestellt behaupten. Ihr wichtigstes Branchenschaufenster war zweifelsohne die diesjährige ILA Berlin Air Show. Das ILA Space Pavillon von ESA, DLR und BDLI, unter Projektleitung des BDLI realisiert, der ILA Space Day, der Astronauts’ Day und verschiedenste Konferenzen zu Erdbeobachtung und Telecom waren Anlaufpunkt hochrangiger internationaler Besucher aus Politik, Forschung und Industrie.

Im thematischen Fokus aller BDLI-Raumfahrtaktivitäten 2012 stand die ESA Ministerratskonferenz in Neapel, wo im November die Weichen für zukünftige europäischen Raumfahrtprogramme und daraus resultierende, nationale Industriebeteiligungen gestellt wurden. Deutschland konnte dank einer erfolgreichen Verhandlungsführung der Bundesregierung seine Führungsrolle in der europäischen Raumfahrt weiter ausbauen. Klima- und Ressourcenschutz sind dabei ein zentrales Anliegen der deutschen Raumfahrtpolitik und zentraler Bestandteil der Ergebnisse in Neapel. Insbesondere durch die starke Zeichnung bei den Erdbeobachtungsprogrammen Metop SG und GMES wird die deutsche Führungsrolle in diesem wichtigen Bereich weiter ausgebaut. Der europäische Zugang zum Weltall wird mit der Weiterentwicklung der Ariane 5 Trägerrakete und dem gleichzeitigen Beginn der Entwicklungsaktivitäten für die Ariane 6 langfristig sichergestellt. Mit der Weiterentwicklung der Ariane 5 Trägerrakete werden maßgebliche Entwicklungs- und Produktionsaktivitäten für die Standorte der deutschen Raumfahrtindustrie gesichert. Auch für die erfolgreiche Nutzung und den weiteren Betrieb der Internationalen Raumstation ISS haben die ESA-Mitgliedstaaten in Neapel einen wichtigen Grundstein gelegt. Die Entwicklungsbeteiligung am sogenannten Multi Purpose Crew Vehicle (MPVC) der NASA bringt die maßgeblich in Deutschland entwickelten Technologien für den europäischen Raumfrachter ATV in eine vielversprechende transatlantische Kooperation ein. Damit ist der europäische und deutsche Beitrag zur langfristigen Versorgung und Nutzung der ISS gesichert. Auch im kommerziell besonders relevanten Bereich der Telekommunikationssatelliten konnten wichtige Technologiearbeiten nach Deutschland geholt werden.

Nationale militärische Luftfahrtindustrie am Scheideweg –
militärische Luftfahrtstrategie als Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit

Die Bundeswehrreform bringt für die gesamte deutsche militärische Luft- und Raumfahrtindustrie weitreichende Folgen mit sich. Dies gilt für Systemhäuser ebenso wie für die überwiegend mittelständisch geprägte nationale Zulieferindustrie. Klar ist, dass die Anzahl „strukturbestimmender fliegender Waffensysteme“ deutlich reduziert werden wird. Entsprechende Verhandlungen zwischen der Industrie und dem Kunden laufen derzeit, alle Parteien sind an einem beidseitig akzeptablen Ergebnis interessiert.

Gleichzeitig wurde ein Großteil dieser Systeme von der deutschen Industrie produziert, ist teilweise im Betrieb oder gar im Einsatz und wird von BDLI-Mitgliedsunternehmen gewartet. In beiden Bereichen, Neulieferungen und Systembetreuung, ist aufgrund der Stückzahlreduzierung mit Geschäftsrückgängen zu rechnen. Eine im Frühjahr 2012 durchgeführte BDLI-Umfrage zur Situation der militärischen Luftfahrtindustrie zeichnete ein entsprechend düsteres Bild. 2/3 der befragten Unternehmen beurteilten die langfristige Zukunft der militärischen Luftfahrtindustrie am Standort Deutschland als mäßig bis sehr schlecht. Am stärksten betroffen sind spezialisierte kleine und mittelständische Unternehmen. Heute sind BDLIMitgliedsfirmen bereits akut in Ihrer Existenz bedroht. Einzelne Unternehmen haben bereits militärische Geschäftsfelder aufgegeben, sofern sie dies durch ziviles Geschäft kompensieren konnten. Deutschland riskiert, dass umfassendes Knowhow eines technologisch standortrelevanten Industriebereichs langfristig verloren geht.

Der BDLI hat sich aus diesem Grund bereits seit Ende 2011 massiv für die Erarbeitung einer militärischen Luftfahrtstrategie für Deutschland im europäischen Umfeld eingesetzt. Für die wesentlichen Bereiche einer solchen Strategie wurden vom BDLI 2012 konkrete Vorschläge entwickelt und erfolgreich in den Dialog mit dem BMVg eingebracht. Im Bereich UAS wurde mittlerweile ein Rechtsrahmen für den Betrieb von unbemannten Flugsystemen geschaffen, indem wesentliche BDLI Forderungen in die 14. Änderung Luftverkehrsgesetz aufgenommen wurden. Erklärtes Ziel bleibt es, eine Änderung der Luftverkehrs-Zulassungs-Ordnung (LuftVZO) noch in 2013 zu erreichen. Darüber hinaus hat der BDLI eine Position erarbeitet, um Zulassungsbedingungen für militärische Luftfahrzeuge grundlegend zu modernisieren, was von der Leitung des Bundesministeriums der Verteidigung positiv aufgenommen wurde. Des Weiteren arbeitet der Verband daran, die Rahmenbedingungen für künftige Großvorhaben zu verbessern und dabei Kostentreiber besser identifizieren zu können. Alle diese militärischen Luftfahrtthemen müssen 2013 im Rahmen der Entwicklung einer stringenten militärischen Luftfahrtstrategie auf nationaler Ebene zusammengeführt werden. Der Erfolg der deutschen Raumfahrtstrategie und die in der Erarbeitung befindliche zivile Luftfahrtstrategie untermauern die Sinnhaftigkeit eines solchen Vorhabens.

ILA 2012 gelingt Punktlandung – Nächste ILA Ende Mai 2014

Der ILA Berlin Air Show 2012 – dem zentralen, segmentübergreifenden Großprojekt dieses Jahres für den BDLI – gelang bei der Premierenveranstaltung auf dem neuen Berlin ExpoCenter Airport eine Punktlandung. Mit der größten Beteiligung in der über 100jährigen Geschichte der ILA zeigten 1.243 Aussteller aus 46 Ländern (2010: 1.153 / 47) eine eindrucksvolle Leistungsschau an High Tech-Produkten aus allen Bereichen der Aerospace-Industrie. Den insgesamt rund 230.000 Besuchern wurden im Verlauf der Messe insgesamt 36 Stunden Flugprogramm geboten. Die Anzahl der Fachbesucher blieb mit 125.000 auf hohem Niveau stabil. 3.600 Medienvertreter aus 65 Ländern berichteten in Wort, Bild und Ton von den Ereignissen der Berlin Air Show und sorgten mit ihrer Berichterstattung für weltweite Publizität.

(Aus dem REUSS Jahrbuch der Luft- und Raumfahrt Ausgabe 2013)